|
Blinde/Sehende fühlen gleich!
Rubrik: Kunst, Kultur, Barrierefreiheit, Interkulturell, Frankfurt, Hessen,
Wenn es um Emotionen geht, gibt es tausende Meinungen und sehr selten eine wirkliche Übereinstimmung. Am 30. April 2008 im Blinden- und Sehbehindertenverband in Hessen e.V. in der Geschäftsstelle Frankfurt war das anders.
Sechs Personen, darunter zwei geburtsblinde Frauen und eine
stark sehbehinderte Dame haben sich mit drei sehenden Menschen
weitestgehend verlustfrei über Emotionen ausgetauscht. Möglich war das durch die Arbeiten von Roland Judex, der ein Formensystem entwickelt hat, welches Wirkweisen von emotionalen Funktionen darstellt. Der Ansatz dabei ist einfach und genial. Die 37 Formen sind wie ein Eichmaß zu verstehen, die Normwerte vorgeben. Ähnlich wie bei Fotografien können die Betrachter konkret erfassen, was zum Beispiel mit Hass, Mitgefühl, Freundschaft, Stolz oder Neugier gemeint ist. Individuelle Abweichungen können im Gespräch aufgezeigt und präzisiert werden. Das bedeutet, dass die Formen eine Orientierung bieten, bei denen die Abstimmung über persönliche Ansichten sehr effizient ist. Die Blinden konnten die Form ertasten und die Sehenden beobachteten dieses Erfühlen.
Generell ist das nichts ungewöhnliches, denn jede Sprache funktioniert nach diesem Prinzip. Man hat Symbole oder Buchstaben auf die man sich festlegt, und wer die Zeichen gelernt hat, kann mit diesen Werten kommunizieren. Interessant ist hierbei nur der konkrete Bezug zu den menschlichen Emotionen und die Schnelligkeit in der die Formen erfasst und gemerkt wurden. Die Formen, so zeigte sich, funktionierten hier wie selbstverständlich und man merkte schnell, dass eine körperliche Behinderung nichts mit einem emotionalen Verständnis zu tun hat. Ganz im Gegenteil. Körperlich behinderte Menschen entwickeln ihre verbleibenden Sinne und gehen häufig sorgfältiger mit den Informationen um. Man kann also davon ausgehen, dass die Formensprache von Roland Judex auch interkulturelle oder generationsbedingte Kommunikationsprozesse begünstigt, wenn es um die Frage geht: „Was sind Emotionen und wie wirken diese?“.
In einer Zeit, in der der Wunsch nach Aufklärung und nach Wissen exorbitant steigt und die Kommunikation zwischen Menschen immer schwieriger wird ist dieses Thema aktueller denn je. So wurde die Gesprächsrunde
durch Reporter des Hessischen Rundfunks und der Frankfurter
Rundschau dokumentiert. Am 7. Mai um 19.30 Uhr wird dieser Beitrag in der Hessenschau ausgestrahlt.
Fast zeitgleich, um 19.00 Uhr, beginnt auch die Vernissage zur Ausstellung von Roland Judex in der Innenstadt von Frankfurt, die von der Frankfurter Rundschau initiiert wurde. Am Rossmarkt, im U60311 gibt
es die 37 Originalgrafiken und gelaserte 3D-Modelle in
Glasquadern für zwei Tage öffentlich zu sehen. Leider nicht zu befühlen, denn die Handmodelle für Blinde können
in diesem Rahmen nicht ausgestellt werden. Alle sind am 7.
und 8. Mai von 15.00 bis 24.00 Uhr herzlich eingeladen, der
Eintritt ist frei.
Herzlichen Dank allen Beteiligten, insbesondere den blinden Gesprächspartnerinnen und die super Unterstützung des Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen e.V.:

|