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ETHIK & UNTERRICHT - Artikel, 01/2010 (Klassen 10-13, Sekundarstufe II)
Die Zeitschrift für Lehrer für die Fächergruppe Ethik/Werte & Normen/LER/Praktische Philosophie erscheint zweimonatlich in einer Gesamtauflage von 1.800 Exemplaren und beschäftigt sich mit einem werteorientierten Unterricht: http://www.ethik-und-unterricht.de

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Herzlichen Dank für diese besonders gute Darstellung:

Text: Dr. Anita Rösch & Patricia Miller
Redaktion: Karola Vos
Verlag: Eberhard-Friedrich Verlag: http://www.friedrich-verlag.de
Titelbild: © Zygmund Januszewski


Textauszug:
Begriffe in 3D von Patricia Miller/Dr. Anita Rösch
(Analysieren und Reflektieren – sprachanalytische Kompetenz)

Alles Verstehen ist sprachlich, Sprache bildet die Grundlage unserer Weltorientierung.(1) Jedes Bemühen um Erkenntnis muss daher mit einer bewussten Verwendung der Sprache beginnen. Dies ist vor allem im Unterricht der Fächergruppe Philosophie/ Ethik ein besonderes Anliegen, zum einen aufgrund der fachspezifischen Arbeitsweisen und Unterrichtsmaterialien, vor allem aber, da die multinationale Herkunft der Schülerschaft oft mit einer Vielfalt an Muttersprachen und nicht selten Defiziten im Deutschen einher geht.

Sprachbewusstsein
Da Sprachbesitz nichts Individuelles, sondern ein Produkt der Gemeinschaft ist, hat Sprache viel mit sozialer und kultureller Identität zu tun. Am historisch gewordenen Sprachbesitz einer Gemeinschaft haben die einzelnen Mitglieder in unterschiedlichem Maße Anteil.(2) Dieses Faktum erweist sich zum einen als besondere Bereicherung, aber auch Schwierigkeit für die Schüler/innen der Fächergruppe, werden sie doch oft nicht in ihrer Muttersprache unterrichtet oder wachsen sie zweisprachig und somit auch in zwei Kulturen auf. Vor diesen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen ergeben sich daher häufig Bedeutungsverschiebungen von Begriffen, die es zu klären gilt. Daher steht fest: "Wörter sind nie in sich oder für sich selbst; sie sind immer die Wörter von jemandem und für jemanden, der sie mit anderen teilt. Sie sind immer die Wörter einer – psychisch, nicht räumlich, zu verstehenden – Gemeinschaft."(3)

Begriffe sind theoriebildend, indem sie helfen, Wahrgenommenes und sprachlich Artikuliertes nach Umfang und Relation zu ordnen. Dabei sind sie eine entscheidende Unterstützung, die komplexe Wirklichkeit zu reduzieren, zu ordnen und zu beurteilen. Neben ihrer kommunikativen Funktion haben Begriffe jedoch auch eine affektive Wertigkeit, die für den einzelnen Verwender, vor allem mit variierender kultureller Herkunft, durchaus unterschiedlich sein kann. Diese Variationsbreite zieht aber zugleich eine Mehr- und Uneindeutigkeit nach sich, die oft auch mit der Geschichtlichkeit der Sprache zusammenhängt. Mehrdeutigkeiten andererseits eröffnen das Feld für Manipulation und Missbrauch von Sprache. Daher ist im Unterricht immer wieder die Frage entscheidend "Meinen wir eigentlich das Gleiche, wenn wir von X sprechen?".

Philosophie der Gefühle
Mit dem Begriff "Philosophie der Gefühle" wird ein in der Philosophie "wiederentdeckter Bereich"(4) ins Blickfeld gerückt, der sich in der Phänomenologie mit ihren Gefühlsanalysen wie auch in anderen Disziplinen widerspiegelt.

Das Thema Gefühle als möglicher Motor für unser moralisches Handeln ist im Ethikunterricht der Sekundarstufe anzusiedeln.(5) Dort werden folgende Aspekte der Anthropologie wie biologische Determination, Rationalität und ihre Grenzen oder auch die kulturelle Leistung der menschlichen Sprache behandelt.

Dabei wird auch auf den subjektiven Standpunkt von Gefühlen hingewiesen, der besagt, dass Gefühle an das jeweilige Individuum und seine Körperlichkeit gebunden sind. Man denke nur an den erhöhten Herzschlag bei Aufregung oder das Erröten bei Schamempfindungen.Weiterhin sind Gefühle kulturabhängig, werden also durch entsprechende Erziehung vorgelebt, zum Ausdruck gebracht und in ihrer Bedeutung für den einzelnen verstärkt oder unterdrückt. Da sie meist von kurzer Dauer sind und wechselhaft auftreten können, gelten sie oft als das "Andere" der Vernunft. Dabei können sie "Rationalität nicht nur ausschließen oder einfach unterlaufen"(6), sondern im günstigen Fall auch ergänzen und unser Denken und Handeln ganzheitlich machen. Trotz aller Subjektivität lassen sie sich im Umgang miteinander von unserem Gesichtsausdruck ablesen, spiegeln sich in unserem Verhalten wider oder lassen sich an unwillkürlichen Körperbewegungen beobachten. Ihre Authentizität kann jedoch in Frage gestellt werden, wenn sie uns nur vorgetäuscht erscheinen. Für unseren Zusammenhang ist aber wichtig zu betonen, dass sie sich allgemein beschreiben lassen. Dadurch, dass sie intentional auf Objekte oder Sachverhalte bezogen sind, haben sie eine propositionale Struktur, die folgendermaßen zum Ausdruck gebracht werden kann: Ich freue mich auf das gute Essen oder Du fürchtest dich vor Spinnen. Bei diesen Beispielen werden drei Komponenten in einen gemeinsamen Bezug gesetzt: die fühlende Person, der Begriff für eine Gefühl (z.B. Furcht) und ein Sachverhalt oder ein Objekt. Zu vielen Begriffen haben wir nachvollziehbare Assoziationen und denken beispielsweise bei dem Gefühl der Angst an Einengung, an Flucht oder abstrakter gesprochen an Identitätsverlust, bei dem Gefühl der Freude hingegen an Leichtigkeit und spielerischen Umgang mit Welt. Es lassen sich auch Situationen vorstellen, in denen derartige Gefühle unser Handeln mitbestimmen oder gar dominieren. So wird durch unsere Sprache zugleich eine subjektive und inter-subjektive Basis geschaffen, die eine Verständigung über Gefühle und ihre Wirkung möglich macht.

Formensprache der Gefühle
Der Frankfurter Künstler Roland Judex hat sich in seinem 2004 entwickelten Kunstprojekt "Säulen der Tugend" dieser Uneindeutigkeit von Gefühlen in der Kommunikation zugewandt.(7) In einer Formensprache der Gefühle hat er in eingängiger Weise 37 Verhaltensweisen und Emotionen zur Darstellung gebracht. Die Objekte sind aus geometrischen Figuren abgeleitet, die ihre Aussage vor allem durch die Anordnung und Oberflächenstruktur erhalten. Es geht Judex aber nicht nur um die Ausprägungen von Emotionen, sondern vor allem um deren interpersonale Wirkung. Da es schwer ist, sich über Emotionen auszutauschen, da man sich nicht sicher sein kann, ob andere ihre Gefühle ähnlich erleben und Begriffe nach Ansicht des Künstlers Emotionen nur unzureichend charakterisieren können, sollen seine Objekte zum direkten Austausch anregen. "Emotionen sind eine solche nahezu unbeschreibbare Kraft. Die persönlichen Empfindungen entfalten sich dabei immer wie kleine Geschichten, die mit der Form der "Säulen der Tugend" optisch dargestellt werden können. Wie Buchstaben eines Alphabets helfen sie bei der Kommunikation über Emotionen."(8)

Judex' Formensprache eignet sich in besonderer Weise, sprachanalytische Kompetenzen zum Thema Philosophie der Gefühle zu erwerben. Der Diskussionsanreiz, der aus der Betrachtung seiner Objekte resultiert, wird in einer Unterrichtseinheit zur Philosophie der Gefühle zum Anlass für sprachanalytische Betrachtungen. Ausgangspunkt sind zwei Beispiele aus Judex' Formensprache. Begonnen werden sollte mit der Betrachtung und Diskussion des Objektes "Freundschaft" (M1a). Die Schüler/innen sollen das Objekt beschreiben und unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Definition von Freundschaft diskutieren, inwieweit sie mit der Konzeption des Kunstwerks übereinstimmen. Dabei können Fragen auftauchen wie "Muss Freundschaft passgenau sein?" "Müssen sich Freunde ergänzen?" "Sind auch asymmetrischere Beziehungen als Freundschaft denkbar?" Nach der Auseinandersetzung mit dem ersten Objekt sollen sich die Schüler/innen mit einem weiteren (Hilfsbereitschaft/ M1b) befassen, ohne allerdings gleich den Titel zu erfahren. Sie sollen aus der Beschreibung der Skulptur ableiten, um welches Gefühl es sich handeln könnte. Erst im Anschluss an diese Phase erfolgt eine Auseinandersetzung mit Judex' Titel. Nun mit der Art der Darstellung vertraut, geht es im folgenden darum, für ausgewählte Gefühle in Gruppen Skulpturen im Stile von Roland Judex zu entwerfen – oder, noch besser, in Kooperation mit dem Kunstunterricht zu erstellen. (M2) Ausgewählt wurden die Begriffe Neid, Respekt und Hass und Ehre. Letzterer ist selbst nicht in direktem Sinn als Gefühl zu definieren, wohl aber eng mit Emotionen verknüpft.(9) Die Betrachtung der Skulpturen von Roland Judex im Vorfeld dürfte den Schüler/innen deutlich gemacht haben, dass Gefühle facettenreich sind und es ein umfangreiches Spektrum von Gefühlsbegriffen gibt, deren Nuancen genau zu unterscheiden sind. Daher geht dem Entwurf einer Skulptur eine umfangreiche Begriffsanalyse voraus, für die die Lerngruppe einen Methodenkatalog als Instrument erhält (M3). Die Begriffsanalyse wird durch Texte, die die Gefühle charakterisieren und von verwandten Begriffen abgrenzen (M4 – M7) ergänzt. Die auf dieser umfangreichen Grundlagenarbeit entstehenden Konzepte für Skulpturen werden abschließend in einem Konzeptpapier erläutert und im Kurs zur Diskussion gestellt.

Die Einheit kann durch eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Begriff des Gefühls abgeschlossen werden. Für diese Arbeit stehen Materialien zur Verfügung, die Gefühle von Emotionen abgrenzen (M8) und die kulturelle Konstitution von Gefühlen beleuchten (M9) Sie ermöglichen es, die vorab behandelten Emotionen in einen größeren begrifflichen Rahmen zu integrieren.

M 1: Bildbeispiele Roland Judex

M1a:

Form: Freundschaft
Freundschaft: Auch auf Distanz passgenau.

M1b:
Form: Hilfsbereitschaft
Hilfsbereitschaft: Bereitschaft zur substantiellen Einschränkung des Helfers, um dem
Hilfesuchenden einen wirksamen Halt zu bieten.

M 2:
Bild: Kommunikationshierarchie
© Roland Judex: Gefühle in 3D. Die Formensprache der Gefühle, Frankfurt 2008

Sie haben das Konzept des Künstlers Roland Judex kennen gelernt und diskutiert. Nun ist es Ihre Aufgabe, in Gruppen für weitere Gefühle einen Entwurf für eine Skulptur zu erstellen. Arbeitsteilig soll eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Gefühlen Ehre, Neid, Respekt und Hass erfolgen. Ausgangspunkt Ihrer Konzeption ist eine gründliche Begriffsanalyse des von Ihnen zu bearbeitenden Gefühls. Tipps, wie Sie vorgehen können, erhalten Sie aus dem Methodenkatalog M 3. Ein philosophischer Text (M4 – M7) kann Ihnen im Anschluss an die Begriffsanalyse helfen, Ihre Ergebnisse zu verifizieren und zu ergänzen. Jedes Gruppenmitglied erstellt auf der Basis der Analyseergebnisse einen Entwurf für eine Skulptur im Stil des Künstlers Judex. Diskutieren Sie diese Entwürfe in der Gruppe und entscheiden Sie sich begründet für einen Gruppenentwurf, den Sie in einem Konzeptpapier erläutern.


M 3
Begriffsanalyse
Wortfelduntersuchung: Erstellen Sie eine Mindmap zu Ihrem Begriff, die das spontane Begriffsverständnis Ihrer Gruppe abbildet.

Stellen Sie fest, wo es in Ihrer Gruppe Unklarheiten oder auch Uneinigkeiten in der Begriffsdefinition gibt. Wählen Sie vor dem Hintergrund dieses Klärungsbedarfs aus der untenstehenden Liste 5 Methoden der Begriffsanalyse aus, die ihnen helfen können, Ihre Begriffsdefinition zu präzisieren. Dokumentieren Sie Ihre Untersuchungsergebnisse.
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1) Gadamer, Hans-Georg (1999b): Sprache und Verstehen, in: derselbe: Hermeneutik II. Wahrheit und Methode,
Gesammelte Werke, Bd. 2, J. C. B. Mohr, Tübingen, S. 184 – 198, S. 184ff.
2) vgl. Gauger, Hans-Martin (1986): Sprach-Störungen. Beiträge zur Sprachkritik, Hanser, München, S. 15f.
3) ebd
4) Demmerling, Christoph/ Landweer Hilge: Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn. Stuttgart 2007. S.2
5) vgl. z.B. Ethiklehrplan Hessen, Kurshalbjahr 12.I: Anthropologie
6) Demmerling, S. 8
7) Roland Judex: Gefühle in 3D. Die Formensprache der Gefühle. Atelier Roland Judex, Frankfurt 2008, www.rolandjudex.de
8) Judex, Roland, S. 2
9) vgl. Christoph Demmerling/ Hilge Landweer: Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn, J.B. Metzler, Stuttgart 2007, S. 236